Ein Duo von berliner Kunststudenten erregt im Moment etwas Aufmerksamkeit.1 Die Beiden haben eine quietschbunte Guillotine gebaut und momentan läuft dazu eine Abstimmung darüber, ob mit dieser Guillotine ein Schaf geköpft werden soll.

Ich will mich jetzt gar nicht groß in Spekulationen versteigen, was sie damit im Schilde führten und welche subtile Gesellschaftskritik sie vielleicht oder vielleicht auch nicht transportieren wollten. Denn am Ende des Tages werden sie von den Allermeisten ohnehin nur ganz platt rezipiert: Sie köpfen ein Schaf. Einfach so. Für die Kunst. Und das ist doch fürchterlich!

Ich habe das heute auch verlinkt bekommen. „Tom schau mal wie Schlimm … Wie kann dieser Mensch nachts schlafen?!“ Ich hatte einen meiner schlagfertigeren Tage und schrieb zurück: „Wie kannst du nachts schlafen, nachdem du ein Steak gegessen hast, für das das betroffene Tier ebenso getötet wurde und vermutlich ein vielfach leidvolleres Leben hatte, als das hier betroffene Schaf?“ Ich sollte keine Antwort bekommen.

Damit das klar bleibt; Ich bin in dieser Hinsicht völlig einer Meinung. Ein Schaf zu töten ist grauenvoll.

Trotzdem, finde ich, dass die Installation viel mehr sehr zugespitzt das veranschaulicht, was manche TierethikerInnen eine moralische Schizophrenie in underem Umgang mit anderen Tieren nennen2 und damit die Tatsache meinen, dass unser Nachdenken über andere Tiere hochgradig verwirrt ist.

Wir töten als meneschliche Weltgemeinschaft jährlich 60 Mrd. Landwirbeltiere, bei der Produktion sogenannter Nahrung3 und die Menschen in Deutschland haben dabei mit die höchsten Pro-Kopf-Verbrauchszahlen.4 In nahezu jeder Innenstadt drehen sich, für alle sichtbar und von vielen genutzt, riesige Fleischspieße, die oft aus jungen Schafen produziert werden. Viele gehen in die Geschäfte, die diese Schafskörper in lerckeren Brötchen verkaufen, gerne rein; einfach so. Und nicht selten machen dann die selben Menschen einen riesigen Aufstand um ein Schaf unter einer Guillotine.

Ich erzähle Leuten, mit denen ich über Tierethik spreche gerne die (fiktive) Geschichte von Simon dem Sadisten:5 Simon hat einen unglaublichen Lustgewinn aus der Praxis, kleine Hunde anzuzünden; Einfach so. Es ist meistens kaum Diskussion nötig, bevor wir dann darin übereinkommen, dass Simon völlig unverantwortlich handelt. Keine Gesellschaft in der irgend ein Prinzip der Gewaltfreiheit irgend etwas gilt, kann es zulassen, dass wir völlig unnötige Gewalt, wie die von Simon gegen die betroffenen Hunde, dulden.

Doch wie unterscheiden sich 99,9% der Menschen (das ist eine Schätzung für den Anteil derjenigen in Deutschland, die nicht vegan leben)6 von Simon? In welchem Sinn kann Tierproduktion als eine Notwendigkeit verstanden werden? Ich unterstelle: in keinem Sinnvollen, wie die paar Millionen VeganerInnen, die sich diesem System entziehen, granz praktisch aufzegen. Selbst die konserativsten DiätikerInnen akzeptieren, dass man nicht notwendigerweise auf Tierprodukte angewiesen ist, um sich gesund zu ernähren. Auch Kleidung lässt sich leicht aus plflanzlichen Fasern herstellen.

Aus wirtschaftlicher Perspektive ist Tierproduktion ein beispielloses Verbrennen von Ressourcen und aus ökologischer Perspektive lässt sich von Tierproduktion eigentlich nur in apokalyptischer Terminologie sprechen. Der einzige verbleibende Grund, weshalb wir jährlich 60 Mrd. andere Tiere töten ist schlicht, dass sie uns anscheinend gut schmecken.

Wir sind vielleicht nicht selbst diejenigen, die schlachten. Doch erlöst uns das Delegieren einer Tat an andere von unserer moralischen Verantwortung? – Natürlich nicht.

Wie entrückt ist der geifernde Online-Mob mit seinen Schöpfern um ein zu schlachtendes Schaf von der erlesenen Gesellschaft der Jahresfeier am Institut für praktische Ethik, die amüsiert an ihrem Spanferkel nagen und sich dabei austauschen?

Wir sind alle Simon, Wir sind alle Iman Rezai.

Literatur

  • Francione, G. L. 2000. Introduction to animal rights: your child or the dog? Temple Univ Pr.

  1. Pressespiegel: Berliner Kurier, Tagesspiegel, Bild, Telegraph

  2. (Francione 2000)

  3. Globale Schlachtzahlen für 2007 bei der FAO Die Zahlen für Fische und Meerestiere schätzt man in der Größenordnung einer Billion.

  4. Karte zum globalen Pro-Kopf-Verzehr von Tierprodukten (auf einer der Datenbasis der FAO von 2002)

  5. (Francione 2000)

  6. Nationale Verzehsstudie (2008) Ist eher eine niedrige Schätzung. In den U.S.A hat sich in den letzten 5 Jahren der Anteil der VeganerInnen mehr als verdoppelt.