Hier meine Notizen zu einem Seminarvortrag zu obigem Thema an der Uni Cottbus. Alternativ gibts das auch als Folien und als Handout. Ist ohne Erklärung allerdings etwas arg skizzenhaft.

Terminologie & Grundsätzliches

Wenn wir davon sprechen wollen: von der Ungerechtigkeit, der Gewalt oder der Respektlosigkeit denen gegenüber, die wir noch immer in unserer Verwirrung Tiere nennen […] Dann müssen wir die metaphysische anthropozentrische Axiomatik, die im Westen das Denken von Gerechtem und Ungerechtem dominiert, in ihrer Totalität neu diskutieren.

Derrida Force of Law [9]

Fragestellung & Einordnung

  • Bewusstsein. (Wie-es-ist-X-zu-tun)
  • Intentionalität. (Zweck-X-zu-tun)
  • Sprache & begriffliches Denken. (Alle X stehen in Bedeutungszusammenhängen zu anderen Objekten)
  • Rationalität. (modus ponens & induktive Schlüsse)

Aufgabe für die Philosophie?

Fast immer sind viele Erklärungen für Verhalten möglich. Beobachten von geistigen Phänomenen setzt begriffliche Arbeit voraus.

Beispiel: Sarah hat zwei Behälter in unerreichbarer Distanz. Sie bekommt gezeigt, in welchem Behälter sich Nahrung befindet. Zwei Personen haben sowohl zu den Behältern als auch zu Sarah Zugang. Eine verhält sich kooperierend; die andere konkurrierend zu Sarah. Sarah zeigt der konkurrierenden Person den leeren Behälter und der kooperierenden Person den Behälter mit Nahrung.

  1. Reiz-Reaktion.
  2. Sarah erkennt die kooperierende Person und will, dass sie ihr die Nahrung gibt.
  3. Sarah erkennt die konkurrierende Person und will, dass diese denkt, die Nahrung liege im leeren Behälter.

Daniel Dennet Vorschlag Zur Typisierung Ethologischer Explikation in [8]

Historisches — Tierdebatten der frühen Neuzeit

Vorstoß von Montaigne (1533 – 1592)

Ich behaupte also, (…) dass es keinen vernünftigen Grund gibt, zu meinen, die Tiere täten aus zwanghaftem Naturtrieb, was wir aufgrund eigener Wahl und erworbner [sic] Kunstfertigkeit tun. Von gleichen Ergebnissen müssen wir vielmehr auf gleiche Kräfte schließen und folglich zugeben, dass ebender Verstand und ebender Weg, die unser Werken und Wirken bestimmen, im selben Maße auch für sie bestimmend sind (…).

Michel de Montaigne Essais

Aktualität: Montaigne mahnt an, in Untersuchungen, keine anthropologische Differenz vorauszusetzen, kann aber trotzdem prinzipiell noch als Ergebnis von Beobachtungen gezeigt werden.

Descartes (1596 – 1650)

Bêtes machine-These: Seele ist als Erklärung für die Lebensfunktionen obsolet, bis auf menschliche Rationalität bzw. Seele [21, S. 143].

Spricht nichtmenschlichen Tieren nicht unbedingt Empfindungen ab. Meint nur, dass diese reduzibel sind auf die Physiologie. [21, S. 145]

Aktualität von Descartes

Laut [15, S. 39] ist Descartes bêtes machine von seiner substanzdualistischen Metaphysik unabhängig zu denken (oder zumindest denkbar). Allerdings umstritten. [22, S. 495-512]

In Teilen der zeitgenössischen Verhaltensforschung sind mechanizistische Erklärungstypen nicht unüblich. Etwa in der Primatologie [19,18].

(…) Convergent evidence indicates that non-human animals have the neuroanatomical, neurochemical, and neurophysiological substrates of conscious states along with the capacity to exhibit intentional behaviors. (…)

Teilnerhmer_innen der XXX Konference Cambridge Declaration on Animal Conciousness

Argumente und Methodisches

Evolutionäres Argument
  • Geistige Prozesse operieren über einer biologische Struktur.
  • Jede biologische Struktur hat sich in einem evolutionären Kontinuum herausgebildet.

Folgerung: Jeder gute Grund, bei nichtmenschlichen Tieren Geisteszustände zu verneinen, greift auch für (wenigstens manche) Menschen.

If no organic being excepting man had possessed any mental power, or if his powers had been of a wholly different nature from those of the lower animals, then we should never have been able to convince ourselves that our high faculties had been gradually developed. But it can be shewn that there is no fundamental difference of this kind.

Charles Darwin The Decent of Man
Analogie-Argumente
  • Ich beobachte X bei P.
  • P macht X weil sie etwas denkt.
  • Ich beobachte X bei P’.
  • Die physiologische Struktur, von der wir meinen, dass sie Denken ermöglicht, ist bei P und P’ ähnlich.

Folgt dass P’ die Handlung X setzt, weil sie etwas denkt; Also folgt insbesondere, dass P’ etwas denkt? — In keinem logisch zwingenden Sinn, liefert aber gute Gründe, davon auszugehen. Annahme der Negation hat das Problem des unangebrachten Skeptizismus.

Bestimmtes Geistesvermögen

Hat ein Hund einen Begriff vom Baum?

Der Hund jagt die Nachbarskatze durch den Garten. Diese rast auf eine Eiche zu und verschwindet im letzten Moment auf den naheliegenden Ahorn. Der Hund sieht das nicht und Bellt an der Eiche hinauf.

  • Jeder Begriff benötigt ein Netzwerk von Begriffen, die ihm einen Sinn geben. (Semantischer Holismus)
  • Benötige Sprache für Begriffsvermögen.
Donald Davidson Rationale Tiere [7]

Argumente, die Begriffsvermögen auf Sprachvermögen reduzieren, fasst man manchmal als High Order Theories (HOT) von Bewusstein zusammen. Weitere insb. von Carruthers und Stich.

Probleme mit HOT
  • Wie funktioniert Spracherwerb, wenn nicht vor dem Sprachgebrauch Begriffsvermögen vorliegt? [16, S. 44]
  • Warum benötigt begriffliche Kokonstitution ausgerechnet menschliches Begriffsvermögen bzw. Sprachvermögen? Laut [17, S. 224] gibt es hier kein Argument sondern nur eine petitio.
  • Möglicherweise primitivere Begriffssysteme vorstellbar. [17, S. 201 ff.]
    • Erwiederungen: Begriffe müssen feinkörnig sein – Unterscheidung zwischen de dicto– und de re-Überzeugungen zulassen.
    • In jedem Begriffsystem gibt es den Begriff des Begriffs. Verhalten der Überraschung bekommt eine Sonderrolle [7].
Gedächtnis
  • Bei der Beobachtung von Hummeln (genauer: Bornbus appositus) flog eine solche 482 Blumen an, darunter nur 5 Doubletten. [11, S. 29]
  • Differenzieren zwischen:
    • (Episodisches) Gedächtnis
      • X erinnert sich an p.
    • Autonoetisches Gedächtnis
      • X erinnert sich, wie es für X war, dass p.
  • Häher erinnern sich an Was, Wo und Wann. [5]
Kognitive Karten


Links eine Experimentskizze nach Gould & Gould [10]:

Späherbienen bekommen Nahrung auf einem Feld und auf einem See etwa gleich weit entfernt vom Stock. Die Bienen kehren zurück und kommunizieren per Schwänzeltanz Richtung und Entfernung der „gefundenen“ Nahrung. Arbeiterinnen bevorzugen signifikant solche Schwänzeltänze, die auf einen Ort an Land zeigen.

Oft als Argument für kognitive maps. Weitere Argumente von Gould sind Orientierungsverhalten (Abkürzungen finden).

Versuch, die Ergebnisse zu reproduzieren, nicht geglückt [23].

Gedankenlesen
  • Honiganzeiger reagieren auf bestimmte Rufe der Boran (Kenia). Diese „antworten“ mit einem charakteristischen Gesang und führen die Rufer mitunter meilenweit zu einem Bienennest. Ein Boran öffnet das Nest und gibt dem Vogel etwas Honig.[12]
  • Ablenkungsverhalten bei vielen Vögeln und manchen Fischen.
  • Meerkatzen ignorieren Warnrufe von Jungtieren. [3]
Zusammenfassung & Positionierung

Nach [16]

  • Verhalten von nichtmenschlichen Tieren als begriffliches Verhalten stimmt mit common-sense Annahmen überein.
  • Versuche, nichtmenschliches Verhalten auf einer nicht-mentalistischen Ebene zu erklären (Hebb) waren nicht produktiv.
  • Verhalten von nichtmenschlichen Tieren ist konsistent mit mentalistischen Annahmen.
  • Analoge physiologische Strukren, von denen wie ausgehen, dass sie Geistesphänomene hervorbringen.

Tierphilosophie im politischen Kontext

The other animals that humans eat, use in science hunt, trap, and exploit in a variety of other ways have a life of their own that is of importance to them appart from their utility to us. They are not only in the world, they are aware of it, and also of what happens to them. And what happens to them matters to them. Each has a life that fares experientially better or worse for the one, whose life it is. Like us they bring a unified psychological presence to the world. Like us they are somebodies not some things. In these fundamental ways the nonhuman animals in labs or on farms, for example, are the same as human beings. And so it is that the ethics of our dealings with them and with one another must rest on some of the same fundamental moral principles. (…)

Tom Regan The Royal Institution of Great Britain: Does the Animal Kngdom Need a Bill of Rights (London 1989)

[M]eine Ansicht [ist] nicht so sehr gegenüber den Tieren grausam, sondern vielmehr nachsichtig gegenüber den Menschen …, weil sie sie vom Verdacht eines Verbrechens losspricht, wenn sie Tiere
essen oder töten.

Descartes a Morus Doctiſſimo & Humaniſſimo Viro (Egmond; 5 Février 1649) [1]
Dissonanzhypothese

„[E]xpectations regarding the immediate consumption of meat increase mind denial.“[4]

Literatur

[1]
Adam C, Tannery P eds. ØEuvres de Descartes. Paris : L. Cerf. 1897 Available: http://archive.org/details/oeuvresdedescar08desc. Accessed 14 Dec 2012.

[2]
Allen C, Bekoff M. Species of Mind: The Philosophy and Biology of Cognitive Ethology. The MIT Press. 1999

[3]
Arnold K, Zuberbühler K. Language evolution: Semantic combinations in primate calls. Nature 2006;441:303–303. doi:10.1038/441303a

[4]
Bastian B, Loughnan S, Haslam N, Radke HRM. Don’t Mind Meat? The Denial of Mind to Animals Used for Human Consumption. Personality and Social Psychology Bulletin 2011.

[5]
Clayton NS, Dickinson A. Episodic-like memory during cache recovery by scrub jays. Nature 1998;395:272–273.

[6]
Crisp R. Evolution and Psychological Unity. In: Bekoff M, Jamieson D, editors. Readings in Animal Cognition. The MIT Press, 1995. pp. 310–323.

[7]
Davidson D. Rationale Tiere. In: Perler D, Wild M, editors. Der Geist der Tiere: Philosophische Texte zu einer aktuellen Diskussion. Suhrkamp Verlag, 2005.

[8]
Dennett DC. Intentional systems in cognitive ethology: The “Panglossian paradigm” defended. Behavioral and Brain Sciences 1983;6:343–355.

[9]
Derrida J. Force of law: the mystical foundation of authority. 1992.

[10]
Gould JL, Gould CG. The insect mind: Physics or metaphysics. Animal mind–human mind 1982:269–298.

[11]
Griffin DR. Animal Minds. 1st Paperback Edition. University of Chicago Press. 1994

[12]
Isack HA, Reyer H-U. Honeyguides and Honey Gatherers: Interspecific Communication in a Symbiotic Relationship. Science 1989;243:1343–1346. doi:10.1126/science.243.4896.1343

[13]
Loughnan S, Haslam N, Bastian B. The role of meat consumption in the denial of moral status and mind to meat animals. Appetite 2010;55:156–159.

[14]
Matthews GB. Animals and the Unity of Psychology. Philosophy 1978;53:437–454.

[15]
Perler D, Wild M. Der Geist der Tiere: Philosophische Texte zu einer aktuellen Diskussion. 4th ed. Suhrkamp Verlag. 2005

[16]
Regan T. The case for animal rights. 2nd ed. University of California Press. 2004

[17]
Rowlands M. Animal Rights: Moral Theory and Practice. 0002 ed. Palgrave. 2009

[18]
Savage-Rumbaugh S, Brakke KE. Animal language: Methodological and interpretive issues. In: Bekoff M, Jamieson D, editors. Readings in Animal Cognition. The MIT Press, 1995.

[19]
Terrace HS, Petitto LA, Sanders RJ, Bever TG. Can an ape create a sentence. Science 1979;206:891–902.

[20]
Villey P. Les essais de Michel de Montaigne. NIZET. Nizet. 1992

[21]
Wild M. Die anthropologische Differenz: der Geist der Tiere in der frühen Neuzeit bei Montaigne, Descartes und Hume. Walter de Gruyter. 2006

[22]
Wilson MD. Ideas and Mechanism. First Edition. Princeton University Press. 1999

[23]
Wray MK, Klein BA, Mattila HR, Seeley TD. Honeybees do not reject dances for “implausible” locations: reconsidering the evidence for cognitive maps in insects. Animal Behaviour 2008;76:261–269.